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Verantwortung für die Infrastruktur der Energiewende

„Wir brauchen die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg mit schlanken, flexiblen Arbeitsweisen und digitaler Unterstützung – ohne Umwelt- oder Beteiligungsrechte zu gefährden.“

 

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(v.l.n.r.) Michael Beckmann, Regionaldirektor Nord; Wolfgang Eckstaller, Regionaldirektor Süd; und Torsten Retzlaff, Geschäftsführender Direktor bei Inros Lackner


Warum sind Großprojekte wie SuedLink und SuedOstLink zentrale Bausteine der Energiewende – und welche planerischen Dimensionen sind damit verbunden?
Torsten Retzlaff: Früher standen die großen Kraftwerke meist im Süden – also direkt dort, wo der Strom gebraucht wurde. Heute kommt aber der größte Teil der Windenergie aus dem Norden. Damit der Strom auch dort ankommt, wo er gebraucht wird, benötigen wir neue, starke Verbindungen – sonst entstehen Engpässe, sogenannte „Flaschenhälse“. Genau hier setzen Projekte wie Sued-Link und SuedOstLink an: Sie sind die neuen sogenannten Stromautobahnen, die den Windstrom in den Süden transportieren. Dazu kommt, dass sich unser Stromsystem gerade stark verändert. Früher gab es wenige große Erzeuger, heute speisen ganz viele kleine Anlagen Energie aus Sonne, Wind und Biomasse ins Netz ein. Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungen (HGÜ) sind unverzichtbar, damit die Versorgung sicher und stabil läuft. Die planerischen und baulichen Dimensionen sind vergleichbar mit dem Neubau großer Bahn- oder Autobahntrassen: ingenieurtechnisch anspruchsvoll, organisatorisch komplex. Zugleich sind Fragen der Raumordnung, Umweltverträglichkeit und Akzeptanz entscheidend im Planungsprozess.

Wie wird sichergestellt, dass Stromtrassen auch zukünftigen Anforderungen genügen?
Wolfgang Eckstaller: Bei der Planung moderner Stromtrassen geht es nicht nur darum, aktuelle Engpässe im Netz zu beseitigen. Viel wichtiger ist, dass wir heute schon an morgen denken: an eine stabile, mitwachsende Energieinfrastruktur. Wer vorausschauend plant, spart sich teure Nachrüstungen und bringt die Energiewende schneller voran. Das heißt konkret: Leitungen und Konverter werden so ausgelegt, dass noch Reserven vorhanden sind. Modulare Technik und Zwischenanschlüsse machen es leichter, später neue Stromquellen wie Offshore-Windparks einzubinden. Wenn die Trassen in beide Richtungen genutzt werden können, fließt der Strom dorthin, wo er gerade gebraucht wird.

Welche Argumente prägen die Debatte um Erdkabel versus Freileitung?
Torsten Retzlaff: Freileitungen haben ihre Vorteile: Sie sind günstiger, schneller gebaut und leichter zu warten. Erdkabel bieten Vorteile in Bezug auf die Akzeptanz – also darin, dass die Menschen vor Ort die Leitungen eher akzeptieren, weil sie das Landschaftsbild weniger stören und sich besser in die Umgebung einfügen. Ein Entweder-oder gibt es hier nicht. Jede Region braucht ihre eigene Lösung, die Kosten, Umwelt und die Menschen vor Ort gleichermaßen berücksichtigt. Nur so lässt sich der Netzausbau wirklich zukunftsfähig gestalten.

Wo sehen Sie aus Sicht der Projektsteuerung derzeit die größten Hemmnisse für den Netzausbau?
Michael Beckmann: Ganz klar in der Planungs- und Genehmigungsphase.Obwohl die Bundesnetzagentur in den vergangenen Monaten mehrere Netzausbauabschnitte bewilligt hat, befinden sich rund zwei Drittel der im Bundesbedarfsplan vorgesehenen Leitungskilometer noch in diesem Stadium – und diese Phase beansprucht annähernd 50 Prozent der gesamten Projektlaufzeit. Hinzu kommen Engpässe bei Bau- und Lieferkapazitäten: Europaweit gibt es nur wenige qualifizierte Fertigungslinien für HGÜ-Kabel mit entsprechend langen Lieferzeiten. Neue Produktionsstätten entstehen zwar, doch auch die Verfügbarkeit spezialisierter Montagecrews muss mitwachsen. Nicht zu unterschätzen ist das Akzeptanzrisiko. Lokale Einwände – etwa zu Trinkwasserschutz oder Bodenwärme – führen regelmäßig zu Klagen. Beteiligungsmodelle sind hier wirksame Maßnahmen. Ein weiterer Faktor, der Zeit kostet, ist die strategische Netzplanung: Wenn Strom- und Wasserstofftrassen erst nachträglich aufeinander abgestimmt werden, entstehen unnötige Verzögerungen. Der neue integrierte Szenariorahmen ist hier ein Schritt in die richtige Richtung – vorausgesetzt, er wird konsequent auf Projektebene umgesetzt.

 „Wir sind ein Teil dieses Netzwerks. Die gemeinsame Arbeit an diesen Prozessen ist uns wichtig.“

Wie gelingt der Balanceakt zwischen schnellem Ausbau, Umweltprüfung und Beteiligung?Wolfgang Eckstaller: Das klappt nur, wenn alles gut aufeinander abgestimmt wird. Statt die Schritte nacheinander abzuarbeiten, starten wir technische Planung, Umweltprüfungen und Beteiligungsformate möglichst früh und parallel. Die betroffenen Gemeinden und Interessengruppen werden von Anfang an eingebunden – nicht nur über formale Anhörungen, sondern auch über digitale Info-Plattformen, regionale Dialogveranstaltungen und direkte Ansprechpartner vor Ort. So lassen sich Bedenken früh erkennen, die Pläne anpassen und unnötige Verzögerungen vermeiden.

Welche politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind erforderlich, um HGÜ-Großprojekte zu beschleunigen, und kann dabei das LNG-Beschleunigungsgesetz als Vorbild dienen?
Michael Beckmann: Die Erfahrungen mit dem LNG-Beschleunigungsgesetz (LNGG) zeigen, dass Deutschland durchaus in der Lage ist, Infrastrukturvorhaben spürbar zu beschleunigen – vorausgesetzt, der Gesetzgeber nutzt entschlossen die ihm zur Verfügung stehenden Instrumente. Übertragen auf HGÜ-Projekte könnte ein vergleichbares Modell greifen, das auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzt. Entscheidend wäre zunächst eine klare Feststellung des überragenden öffentlichen Interesses, wodurch Fach- und Naturschutzbehörden in die Lage versetzt würden, die Versorgungssicherheit stärker zu gewichten als Einzelbelange – was wiederum die Tiefe und den Umfang von Gutachten deutlich reduzieren könnte. Zugleich wäre es sinnvoll, den Rechtsweg auf eine Instanz zu begrenzen, um langwierige Verfahren zu verkürzen. Genehmigungsfristen müssten weiter digitalisiert und stark gekürzt werden.

 „Genehmigungen, Lieferengpässe und Akzeptanz sind die größten Bremsen.“

Das LNGG erlaubt beispielsweise sehr kurze Online-Auslegungen und Einwendungsfristen. Ergänzt man diese Vorgaben um eine bundesweite E-Planfeststellungsplattform, ließe sich der Öffentlichkeitsteil der Verfahren von heute mehreren Monaten auf wenige Wochen reduzieren. Ergänzend sollte ein Mechanismus für den vorzeitigen Baubeginn etabliert werden, der es erlaubt, Erdarbeiten und die Verlegung von Leerrohren unmittelbar nach Ablauf der Frist zu starten – das würde Bauzeit gewinnen, ohne rechtliche Risiken einzugehen. Nicht zuletzt braucht es eine industriepolitische Flankierung, die die Lieferketten für Kabel und die Verfügbarkeit qualifizierter Montagekapazitäten frühzeitig absichert. Wenn all diese Elemente ineinandergreifen, lässt sich der kritische Pfad solcher Großprojekte voraussichtlich um 1,5 bis 2 Jahre verkürzen, ohne dass wesentliche Abstriche bei der Rechtssicherheit gemacht werden müssten.

Torsten Retzlaff: Ich sehe die Vorschläge zur Abkürzung von Verfahren etwas differenzierter. Wir bauen hier ja keine Standardinfrastruktur, sondern Projekte, die tief in die Umwelt eingreifen. Deshalb müssen alle wichtigen Schutzinteressen – Natur, Wasser, Boden – sorgfältig abgewogen werden. Es darf nicht der Eindruck entstehen, die Versorgungssicherheit würde automatisch alles andere überlagern. Außerdem ziehen sich HGÜ-Trassen durch weite Regionen und betreffen viele Menschen, die Biodiversität und die Artenvielfalt im großen Umfang – anders als zum Beispiel LNG-Terminals. Ein transparentes, faires und nachvollziehbares Verfahren ist daher ein Muss. Gut ist aber: Für die Genehmigung zum Bau der HGÜ-Trassen wurde in den betreffenden Gesetzen ein überragendes öffentliches Interesse festgestellt. Zudem sind die Genehmigungsverfahren für diese Projekte zwischen den Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur etabliert und laufen sehr professionell ab. Das gibt uns den nötigen Rahmen, die Projekte schnell voranzubringen. Trotzdem gilt: Nur wenn wir frühzeitig und ernsthaft auf den Dialog setzen, lassen sich Klagen und Verzögerungen vermeiden – nicht, indem wir das Verfahren um jeden Preis abkürzen.

Michael Beckmann: Im Prinzip denken wir ähnlich, Beschleunigung ja – aber mit Augenmaß. Die Erfahrungen mit dem LNG-Beschleunigungsgesetz zeigen, dass Infrastrukturprojekte in Deutschland durchaus schneller umgesetzt werden können – wenn gesetzgeberisch entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Übertragbare Elemente wie digitalisierte Genehmigungsverfahren, verkürzte Fristen und ein frühzeitiger Baubeginn könnten auch HGÜ-Projekten deutlich mehr Tempo verleihen. Beschleunigung darf kein Ersatz für Beteiligung sein – beides muss sinnvoll zusammengedacht werden.

 „Nur wenn wir frühzeitig und ernsthaft auf Dialog setzen, können wir Klageverfahren und Verzögerungen vermeiden – nicht durch Verfahrensverkürzung um jeden Preis.“