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Wind, Sonne, Wasserstoff

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Dr. Ralf Tschullik engagiert sich für nachhaltige Energielösungen. Er war unter anderem Geschäftsführer der rostock EnergyPort cooperation GmbH in Rostock, die den Aufbau eines regionalen Wasserstoff-Hubs begleitet. Derzeit ist er Abteilungsleiter für Klimaschutz, Zukunftsfragen und Energie in der Stadt Rostock. Zudem ist er nebenberuflich als Berater für die Energiewirtschaft tätig, unterstützt Unternehmen und Kommunen bei Klimaschutz und zukunftsfähiger Energieversorgung und begleitet weiterhin die rostock Energy-Port cooperation GmbH.

Ingenieure machen Energie greifbar

Welche Bedeutung haben Ingenieure für die Erforschung und Umsetzung neuer Energielösungen?
Ingenieure sind für die Energiewende unverzichtbar – sie bilden die Brücke zwischen Vision und praktischer Umsetzung. Schon in der frühen Forschungsphase bringen sie ihr Wissen ein, um neue Ansätze nicht nur theoretisch, sondern auch realisierbar zu gestalten. Es geht darum, Technologien effizienter, robuster und nachhaltiger zu machen – sei es in der Windkraft, bei Solaranlagen, in der Wasserstoffproduktion oder der Speichertechnik.

In der Umsetzungsphase sind es überwiegend Ingenieure, die eine zentrale Rolle auf der Baustelle oder in der Projektsteuerung übernehmen: Sie koordinieren Fachkräfte und Gewerke und sorgen dafür, dass aus Konzepten funktionierende Anlagen entstehen. Und bei der Inbetriebnahme schließlich prüfen, zertifizieren und geben sie Anlagen frei – ein entscheidender Moment, in dem sich zeigt, ob alles zusammenpasst. Ihre Arbeit garantiert, dass Windparks, Solarfelder oder Wasserstoffsysteme nicht nur laufen, sondern auch sicher und effizient betrieben werden können.

„Es hilft nicht, überirdische versus unterirdische Trassen gegeneinander auszuspielen. Wir brauchen ein integriertes, physikalisch basiertes Denken – und zwar für Strom und zukünftige Molekülenergieträger wie Wasserstoff.“

Was hat Sie persönlich motiviert, den Weg in die energiewirtschaftliche Beratung zu gehen?Tatsächlich war es der Zufall, der mich in die energiewirtschaftliche Beratung geführt hat. Als Ingenieur habe ich im Laufe meiner Karriere unterschiedliche Stationen durchlaufen – von Projekten im klassischen Bauwesen über eine Promotion im Schiffbau bis hin zu einer Vertretungsprofessur in der Konstruktionstechnik. In der Energietechnik habe ich schließlich ein Feld gefunden, das in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen hat. Hier geht es nicht nur um Technik, sondern um Zukunft: um Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und die Frage, wie wir unseren Lebensstil mit den vorhandenen Ressourcen in Einklang bringen. Diese Themen interessieren mich persönlich und fachlich gleichermaßen. Mich reizt es, an Lösungen mitzuwirken, die wirklich etwas bewegen.

„Wir brauchen mehr physikalisch basierte Argumentation und weniger Schwarz-Weiß-Diskussionen über Energietrassen und Technologien. Investitionen in Infrastruktur sind Langläuferprojekte, daher muss parallel, koordiniert und jetzt gedacht und angegangen werden.“

Wenn Sie an ein innovatives Projekt oder eine Idee in der Erzeugung erneuerbarer Energien denken – welches wäre das und warum?
Besonders spannend finde ich die Transformation der Stahlindustrie. Wir erleben gerade eine gewaltige Umwälzung unseres gesamten Energiesystems: Strom wird in nahezu allen Bereichen zur zentralen Energieform – in der Mobilität, bei der Wärmeerzeugung und in industriellen Prozessen. Gleichzeitig wissen wir, dass ein rein strombasiertes System nicht ausreichen wird. 

Für energieintensive Branchen wie die Stahlproduktion brauchen wir zusätzliche Lösungen – und hier spielt Wasserstoff eine Schlüsselrolle. Der Einsatz von Wasserstoff ist besonders herausfordernd, weil es nicht einfach ist, diese Technologie in großem Maßstab zu nutzen. Technisch ist es jedoch bereits möglich, die Stahlproduktion auf Strom- und Wasserstoffverfahren umzustellen, etwa über sogenannte Direktreduktionsanlagen. Die Technologie ist noch nicht in allen Details ausgereift, aber der Weg ist machbar. Genau das macht dieses Feld so spannend: Es geht heute nicht mehr darum, ob wir die Transformation schaffen, sondern wie wir sie umsetzen – und das unter den besonderen Bedingungen Deutschlands: hohe Lohnkosten, begrenzte Rohstoffe, aber eine enorme Stärke in Forschung und Ingenieurwesen. Wenn es gelingt, die Stahlproduktion klimaneutral und gleichzeitig wettbewerbsfähig in Deutschland zu gestalten, wäre das ein großer Erfolg – für die Dekarbonisierung der Industrie und für die Zukunftsfähigkeit des deutschen Maschinenbaus. Für mich ist das eines der Schlüsselprojekte der Energiewende.